Ich komme nun zu einem zentralen Punkt, der mich zur notwendigen Transformation dieses Weblog geführt hat.
Die Zeitenwende, als die ich die am 10. Juni offiziell wieder aufgenommene Kooperation der Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika mit denen Indonesiens erachte, führt zum Ende der Reform des indonesischen Sicherheitssektors. Was ich in aller Kürze erläutern und begründen möchte.
Der Prozess, der ab 1998 als die Sicherheitssektorreform der indonesischen staatlichen Sicherheit und Verteidigung bekannt wurde, basierte grundlegend auf dem Anspruch Indonesiens und seiner Streitkräfte, das System und die Ordnung der staatlichen Verteidigung auf indonesische Bedingungen und Zielsetzungen zu errichten. Dieser Anspruch kann mit der begonnenen Kooperation mit den Vereinigten Staaten als beendet betrachtet werden: die USA werden im Zuge der von ihnen intendierten Anpassung der TNI an die Strukturen und Verfahrensweisen ihrer Streitkräfte und der ihrer Verbündeten und Partner im Sinne der Interoperabilität alle sogenannten “indonesischen” Verteidigungselemente neu ausrichten, absterben oder dem Vergessen anheim fallen lassen. Die schiere Kraft der Mittel und Möglichkeiten, welche die USA sicherlich bereits in diesen Tagen in die TNI hinein bringt, die anlaufenden Ausbildungs- und Einflussmaßnahmen lassen einen Anspruch auf Hankamrata (“Totale Sicherheit und Verteidigung”) unrealistisch erscheinen. Die Nationale Reserve als Volkssturm? – Wir dürfen es vergessen! Indonesiens Haushalte können das nicht finanzieren, und die USA biegen die Reserve schon heute über das gerade beendete Manöver Garuda Shield zu einer National Guard US-amerikanischen Vorbildes um. Zum Beispiel um sinnvolle Katastrophenhilfe zu gewährleisten, wann und wo immer erforderlich. Nicht, um Indonesiens Souveränität gegen einen Angriff von Malaysia aus heroisch zu verteidigen (was man dummerweise in Indonesiens Elitekreise ernsthaft glaubt). Das System der Territorialkommandos wird ernsthaft unter Druck des US-Einflusses kommen, obwohl es nicht abgeschafft werden wird. Auch unter der ABRI hatte es sich als COIN-Instrument bewährt. Ihre innere Effizienz muss jedoch erheblich gesteigert werden, was Indonesien kaum zu leisten vermag und die USA, ob sie wollen oder nicht, durch allerlei Unterstützungsmaßnahmen angehen werden müssen. Die Ansätze und Operationsmuster der inneren Sicherheit, darunter ganz besonders der Polizei, sind historisch überholt und erfordern primär in Westpapua einen neuen Ansatz zur Lösung der dortigen regionalen Krise. Niemand, und am wenigsten die USA, sind an einem neuen Bürgerkrieg auf dem Inselteil interessiert, in den die politischen und sicherheitspolitischen Dynamiken Jakartas ihn geradewegs hineinsteuert. Washington wird hier Einfluss ausüben müssen.
Was sind die Konsequenzen für dieses Weblog? Ist es nicht so, dass diese Entwicklungen dem Blog zugute kommen werden?
Nein, nicht unbedingt. Die Gründungsidee dieses Blogs war die Förderung der Kommunikation mit den und über die indonesischen Streitkräften im einem weit gesteckten zivil-militärischen Rahmen. Eine Grundvoraussetzung ist mit dem Erscheinen meines zweibändigen Wörterbuches erfüllt. Die erforderlichen Terminologien liegen vor und können genutzt werden. Niemals hatte ich daran geglaubt, dass sicherheitspolitische Entwicklungen dieses Blog dominieren werden. Die fünf Jahre davor war in Sachen Sicherheitssektor- und Militärreform fast nichts geschehen, und auch wenn ein wenig mehr als Nichts ab 2009 zu erwarten sei, war ich selbst völlig überrascht von den Reformprojekten der Regierung Yudhoyono Nummer zwei. Heute, im Rückblick und als erstes Resümee möchte ich zwei Thesen in den Raum stellen, die ich (noch) nicht belegen kann, die mir aber die größte Erklärungsbreite geben:
Erstens, das Reformpaket des Ersten-Hundert -Tage-Programms der Sicherheitssektorreform hatte nicht primär zum Ziel, die genannten und angestrebten Resultate real zu erzielen. Das war unrealistisch, gegeben die spezifischen Voraussetzungen. Wohl musste Yudhoyono seinem Militär nach fünf Jahren der Dürre an Mitteln und Aufmerksamkeit etwas mehr gewähren um es bei der Stange zu halten, dafür waren die Pläne für eine “Revitalisierung” der Rüstungsindustrie, des Ausbaues des Systems der komando teritorial, der Nationalen Reserve finanziell allzu unrealistisch konzipiert. Er und weite Kreise der politischen Elite wussten, dass die Zusammenarbeit mit den USA unvermeidlich sein würde und die schiere Wucht des US-Einflusses in jeden Winkel der Streitkräfte dringen würde. Weshalb man dem Unvermeidlichen noch schnell etwas Eigenständiges, “Indonesisches” entgegen setzen musste. Zum Beispiel das wenig beachtete Zentrum für Geschichte der Streitkräfte (Pusjarah), dass mit der Strukturreform erheblich aufgewertet worden ist. Im Mai 2009 hatte ich es noch aufgesucht und war erschreckt: ein durchdringender Gestank nach Mottenkugeln, eine vergilbte Minibibliothek aus Oma Ducks Zeiten, Mobiliar aus den Gründertagen der republik und Verfall an allen Ecken. Wo denn der Pak Komandan, ein Brigjen, war? Wir kamen ohne Anmeldung, aber vielleicht wäre ein Gespräch möglich gewesen? Nun, Pak Komandan, so wurde uns beschieden, war außerhalb, und zwar im Mabes (FüS) TNI. Dort werde ein neues Geschichtszentrum aufgebaut, auf dem neuesten Stand. Aha! Was sich dann auch als korrekt herausstellen sollte. Der Sinn dieser Geschichte: die USA und andere werden die Offizierausbildung in der TNI dominieren. Die Universität der Verteidigung wird neue Maßstäbe und Einflussverteilungen begründen und zementieren. Damit die Offiziere der TNI icht ganz unter Auslandseinfluss geraten, musste ein institutionalisiertes ideologisches Gegengewicht her, das neue Pusjarah. Macht diese Erklärung Sinn? Ich hoffe, dass ja.
Die im Oktober groß angekündigten Reformprojekte dürfen als gescheitert gelten und können, wenn überhaupt, nur mit massivem Kapitalzufluss aus dem Ausland sinnvoll begonnen werden. Indonesiens Führung weiß das. Deshalb die unzähligen Kooperationsverträge mit dem Ausland, die erkennbar das Ziel verfolgen, niemals wieder von nur einem Partner abhängig zu sein. Ob das gelingen wird, betrachte ich als offene Frage. Diese Entwicklungen zu verfolgen ist nicht mehr mein Interesse. Ich bitte dieses Statement als wahr zu akzeptieren. Nach drei Jahrzehnten meiner Indo-Militärbeobachtung bin ich es relativ leid, meine wertvolle private Zeit mit diesen Entwicklungen zu vergeuden. All das Kommende hatten wir bereits, und alles wird sich irgendwie wiederholen. Mögen sich Militärbeobachter, Politikwissenschaftler und andere beruflich dafür bezahlte Spezialisten damit abgeben. Ich bitte nicht mehr. Ich bin es leid, nur mehr Geschichtsverzeichner einer sich immer wiederholenden Geschichtsprozessionalität zu sein.
Zusammen mit der Projektwelle vom Oktober 2009 wurde mir immer klarer, dass der quantitative Umfang der Berichte in keinem Verhältnis zu seinem Inhalt und seiner Aussage stand. Jeder Bericht, jede Meldung konnte problemlos zu einer Aussage komprimiert werden. Verkündungsjournalismus in seiner schlimmsten Form. Nicht wirklich Neues. Die Jahre zuvor konnte ich von einem Doppelnutzen meiner data mining-Arbeit profitieren. Was indonesische Meldungen an denen ihnen eigenen Redundanzen und Blabla verzeichneten (über 90 Prozent der Textmenge ist sachlich irrelevant), konnte ich für das Wörterbuch verwenden. Ohne diese Redundanzen und den Mantra-Charakter indonesischer Terminologien (in denen der Symbolcharakter wichtiger ist als die sachlich-technische Aussage) wäre das Kamus niemals entstanden. Ab dem Mai ist dieser double use für mich entfallen und ich bitte um Verständnis, dass ich mich der Tortur indonesischer militärischer und sicherheitspolitischer Texte nur noch begrenzt hingeben werde.
Mit der Kooperation der TNI mit den US Armed Forces hat eine implizite Militärisierung der Meldungen begonnen. Was heißen soll. dass der relevante Inhalt der Texte auf unter einen Satz fällt. Die Meldungen zu Garuda Shield und den anderen Manövern und Übungen belegen mir das auffällig. Es entspricht ihrem Charakter und ist quasi systemimmanent. Nur, warum soll ich mir diese Mühe machen sinnvoll zu reduzieren und darzustellen, was Presseoffiziere produziert haben? Ich bin kein Journalist, kein NGO-/NRO-ler oder Kampagnenmensch. Mir reicht es nach einem halben Jahr zu erkennen, was geschehen ist, um den Rahmen meiner Arbeiten zu erkennen und einschätzen zu können. Diese liegen im Bereich der Kommunikation und Ausbildung. Mir liegt an der regelmäßigen Kommunikation, und dorthin werde ich zurückfinden. Kurzmeldungen werden sicherlich Teil dieses oder eines anderen Blogs bleiben, aber mit ausführlichen Kommentaren werde ich mich zurückhalten. Die Zeiten sind dafür nicht mehr förderlich. Bitte betrachten Sie meine überquellenden Kommentare in den Posts dieses Tages als ziemlich meine letzten. Dieser Rückzug ist, militärisch gesprochen, ein Rückzug auf verteidigungsfähige Stellungen und Teil meiner Strategischen Etikette bzw. Strategischen Kommunikation Indonesien. Mehr dazu im folgenden Post.