Verfasst von: indomilblog | 29. Juni 2010

Nicht länger der historische Partner

Die am 10. Juni eingeleitete Zusammenarbeit der Streitkräfte der USA und Indonesiens setzt historisch betrachtet auf einer unzweifelhaft erfolgreiche und enge Kooperation beider Staaten an. Von Beginn der 1960er Jahre des alten Jahrhunderts war Indonesien der engste Verbündete eines Indonesiens unter Suharto- und ABRI(Militär-)Herrschaft. Der enge Schulterschluss beider Flächenstaaten war ohne die Rahmensetzungen der Epoche des Kalten Krieges nicht denkbar. Der Antikommunismus schuf das gemeinsame Feindbild, der Developmentalismus das gemeinsame Ziel. Als die Fundamente beider Säulen brüchig wurden, zerbrach folgerichtig auch die sicherheitspolitische Partnerschaft. Die Welt hatte sich verändert, die Politik Washingtons mit ihr, nur Indonesien blieb sturr und starr auf altem Kurs. Wovon einiger der damaligen kursbestimmenden Elemente weiterhin gelten. Details setze ich als bekannt voraus.

Von 1991 an schmorte die ABRI in ihrem eigenen Saft. Unfreiwilligermaßen. Wollte doch niemand diesem von den USA verlassenen militärischem Stiefkind wirlich beispringen. Ruhm und Ehre oder überhaupt irgend ein politischer Vorteil war damit nicht verbunden. Die indonesischen Streitkräfte galten als unzuverlässig, eigensinnig, hoch politisch und allgemein nicht partnerschaftsfähig. Für mich erstaunlich war seinerzeit das Faktum, dass auch nach dem Tsunami in Aceh und der Wahl des von der USA nicht eben unauffällig unterstützten Präsidenten und ex-Generals Yudhoyono die Republikaner in Washington die von der ABRI zur TNI transformierten Streitkräfte nicht willig in ihre wieder offenen Arme zu nehmen bereit wahren. Die Regierungen Bush waren im Gegenteil höchst misstrauisch gegenüber Indonesien, und es sind die Demokraten, die wieder auf die alten Verbündeten zugehen. Auch sie gehen erkennbar zaghaft vor und stellen keine Blankoschecks aus.

In der Hochzeit des Kalten Krieges übernahm ein kleines Kommando von US-amerikanischen Heeresoffizieren unter Leitung eines Colonel Benson die Aufgabe, an der Seskoad (Stabs- und Kommandoschule) in Bandung, die indonesischen Landstreitkräfte völlig umzubauen. Dies geschah ab 1961, intensiv dann zwischen 1962 und 1963. Die US Army Field Manuals FM 100 wurden zur Standardliteratur der ab 1962 ABRI umbenannten Streitkräfte, terminologisch wurde das Holländische fast vollständig durch Amerikanismen ersetzt. Auf eine sehr interessante und unterschwellige Weise, die mich als Wörterbuchkompilatoren natürlich sehr genau interessiert: alle Begriffe der FM 100s wurden indonesiert, und es entstand eine scheinbar rein indonesische Militärfachsprache, die jedem Militärangehörigen selbstverständlich als ur-indonesisch erscheinen musste. Was sie jedoch nicht wirklich war. Die ABRI war eine von den USA auf counterinsurgency (COIN) getrimmte Ein-Fähigkeiten-Armee zur Zerschlagung jeder Form von inneren Widerstand. Eine der wohl am besten gelungen außeninduzierten militärischen Transformationen überhaupt. An die 3.500 indonesische Offiziere, wenn ich mich recht erinnere (die einschlägigen Fachbeiträge von Ruth Mcvey, dem Tschechen – sorry, sein Name fällt mir gerade nicht ein – und das Neue Werk Economists with Guns, das ich noch nicht besitze, geben darüber detailliertere Auskunft) wurden damals in die USA geholt und erfolgreich geschult. Nicht wenig, wenn ich einmal schätze, dass es seinerzeit nur so an die fünftausend Offiziere gab. Bis heute sind die Indo-Streitkräfte voll auf die USA ausgerichtet. Sie schauen nur dorthin, und die US Army wird von ihnen verehrt. Mailing Listen, Publikationen und andere mediale Äußerungen präsentieren diese Look East-Haltung der TNI beredt. Jedoch tun sie dies mit einem weinenden Auge, angesichts des langjährigen Verstoßes, sprich Boykott, den die ABRI/TNI niemals verstanden haben. Als The Lost Lovers Syndrome hat mir das mal jemand beschrieben. So eng, und doch so fern. Kann das heute wiederholt werden? Kann die TNI wieder einmal zu einer Kopie der US Army werden?

Die sicherheitspolitischen Gemeinsamkeiten werden abzuklopfen sein. Die TNI wird abwarten, welche Gunst die USA zu gewähren bereit sind. Kommt das Kopassus in den vollen Genuss US-amerikanischer Unterstützung? Werden sich die US-Streitkräfte ohne Wenn und Aber zu Kopassus bekennen und sich für internationale Beteiligungen einsetzen? Indonesien kann heute durchaus Nein sagen. Andererseits hat die TNI nicht wirklich eine Alternative zu den Vereinigten Staaten. China, Indien, Südkorea, Japan, die ehemaligen Ostblockstaaten Europas, geschweige denn die arabischen Staaten können rüstungstechnisch und militärisch die USA und ihre Verbündeten in Westeuropa und Australien ersetzen. Indonesiens Abhängigkeit von diesen Staaten wird in kurzer Zeit kaum zu umgehen sein. Indem Indonesien den rüstungstechnischen und militärpolitischen Markt öffnet und erweitert, die Zahl der Wettbewerber hochzuschrauben gedenkt, bedeutet nicht ein Weiniger an Abhängigkeiten. Das Hauen und Stechen auf diesem Markt wird zunehmen, die Vorteile für Indonesiens daniederliegenden Rüstungssektor jedoch kaum.

Auch die 2.800 indonesischen Offiziere, die sich heute schon wieder zu Ausbildungen in den USA befinden sollen (eine erstaunlich hohe Zahl, lege ich meine Schätzung zugrunde, dass es wohl nur 15.000 ernsthafte Führungsoffiziere in der TNI gibt) werden nicht automatisch zu einer ausschließlich pro-US-Haltung führen. Wann immer die US-Partner die Gefälligkeiten und Wohltaten für ihre indonesischen Brüder in Uniform zurückschrauben werden, wird sich auf indonesischer Seite ein Gefühl des “Wir haben’s doch immer gewusst!” Platz schaffen. Auch darüber hinaus regieren die gemeinsamen Unterschiede: Terroristen sind für indonesische Offiziere und Elitenangehörige nicht das, was sie für die USA sind. Die TNI ist de facto eine islamische Armee, auch wenn sie das so nicht sehen will. Der indonesische Säkularnationalismus liegt am Boden, eine weit verbreitete Paranoia gegenüber dem Westen und den Nachbarn herrscht bis weit in die zivile Führungselite hinein. Yudhoyono fährt, innenpolitisch begründet, einen pro-islamischen Kurs und pflegt Beziehungen zum arabisch, persischen und nun auch türkischen Raum. Nein, für die USA und ihre Streitkräfte wird Indonesien kein easy ride werden. Indonesien ist eigentlich noch komplexer als Pakistan, und es verfügt über eine kommunikative Referenzkultur, die ich im Folgenden über meine Strategische Kommunikation vorstellen werde. Eine Kommunikationskultur, an denen sich schon mancher seine Zähne ausgebissen hat.


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